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Kann KI die Natur retten?

Künstliche Intelligenz (KI), die den Sternenhimmel vermessen soll, entdeckt plötzlich Walhaie auf Instagram-Fotos wieder. Klingt wie Science Fiction, ist aber ein Beispiel für den Einsatz von KI im Naturschutz. An dieser Schnittstelle bewegt sich das neue Buch von Dr. Frauke Fischer.

Die promovierte Biologin Frauke Fischer gründete 2003 die Agentur »auf!«, die Unternehmen bei ihrem Engagement für Nachhaltigkeit, Klimaschutz und den Erhalt von Biodiversität berät. Sie ist Mitautorin des Buchs »Planet 3.0 – Klima.Leben.Zukunft.«, im oekom verlag erschienen von ihr »Der Palmöl-Kompass«, »Was hat die Mücke je für uns getan?« und »Wal macht Wetter«. Im Oktober 2025 ist im oekom Verlag ihr Buch „Kann KI die Natur retten? Wie Künstliche Intelligenz Tierarten und Ökosysteme schützen und den Umweltschutz revolutionieren kann – Chancen und Risiken der Technologie für unseren Planeten" erschienen, das sie gemeinsam mit der Umweltökonomin Dr. Hilke Oberhansberg geschrieben hat (216 Seiten, 26,00 €, ISBN 978-3-98726-163-3).

 

Mit Tropica Verde verbindet sie eine lange Geschichte: Als Studentin in Frankfurt hat sie die Gründung unseres Vereins durch ihre Kommilitonen miterlebt. Heute ist sie selbst Mitglied.

Wir verlosen drei signierte Exemplare!

Frauke Fischer stellt uns drei von ihr signierte Exemplare von „Kann KI die Natur retten?" zur Verfügung, die wir unter unseren Abonnent*innen verlosen.

Schreiben Sie uns bis zum 25.10.2026 eine E-Mail mit dem Stichwort „KI" an Presse@tropica-verde.de. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

KI imm Naturschutz: Dr. Frauke Fischer im Gespräch mit Tropica Verde

Du bist ja jetzt seit ein paar Jahren Mitglied bei Tropica Verde. Vielleicht erzählst du kurz, was dich mit dem Verein verbindet und wo du Überschneidungen mit deiner Forschung siehst.

Erst mal verbindet mich damit natürlich, dass ich die Gründung sozusagen live miterlebt habe. Als ich Studentin war, wurde Tropica Verde ja von Kommilitonen von mir gegründet, die ein paar Semester über mir waren. Ich glaube, bei der Gründung war doch zum Beispiel auch Stefan Rother dabei, oder?

Ja, genau.

Genau, und deswegen war das damals natürlich bei uns an der Uni ein Thema – ich war ja selbst dort. So habe ich das mitbekommen. Und ich bin ja selber Tropenbiologin, deswegen ist mir sehr wohl bewusst, wie wichtig der Schutz der tropischen Ökosysteme ist. Und bei Tropica Verde gefällt mir natürlich, dass da wirklich auch vor Ort Sachen gemacht werden. Und offensichtlich Sachen, die Hand und Fuß haben, denn manche der Projekte sind ja schon sehr, sehr alt.

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Du hast in deinem neuen Buch die Frage aufgestellt: Kann KI die Natur retten? Kannst du dazu ein bisschen was erzählen – vielleicht, wie du auf das Thema gekommen bist?

Auf das Thema bin ich eigentlich gekommen, weil ich Kollegen und Freunde habe, die in den USA ein Unternehmen gegründet haben, das KI-basierte Tools bereitstellt: für Naturschutzorganisationen, aber auch für Unternehmen und für staatliche Organisationen, um eben Eingriffe in die Natur schneller sichtbar zu machen und intakte Natur besser schützen zu können. Und ein anderer Freund von mir arbeitet wissenschaftlich an diesem Thema. Deswegen fand ich es einfach sehr interessant, dieses technische Thema mit dem Naturschutzthema zu verbinden.

Und gleichzeitig – das wissen wir ja auch alle – muss es unser Ziel sein, möglichst viele Menschen mit diesem Thema zu erreichen. Und da habe ich mir natürlich noch mal gedacht, dass man mit so einem KI-Thema mehr Menschen oder noch zusätzliche Menschen erreicht, die vielleicht gar nicht so ganz oben auf der Liste von Naturschutzorganisationen oder Naturschutz- und Wildtierbiologen stehen. Ich finde es selber eben sehr, sehr spannend, weil man wirklich echt ganz schön coole Sachen machen kann.

Kannst du ein paar solcher Sachen einmal erzählen, ein paar Leuchtturm-Beispiele?

Dieser Freund von mir, der dieses Unternehmen in den USA hat – die haben jetzt zum Beispiel einen großen Preis vergeben, wo es darum geht, wie man Waldbrände möglichst rechtzeitig erkennen kann. Und das ist auch so ein bisschen das Thema meines Kollegen, der da wissenschaftlich dran arbeitet, weil Tiere ja viele Dinge wissen, die wir nicht wissen. Es gibt zum Beispiel bestimmte Käferarten, die immer in frisch abgebrannte Bäume ihre Eier legen – kaum ist der Baum erkaltet, legen die ihre Eier da rein. Und diese Tiere können extrem gut Feuer wahrnehmen, weil die natürlich zusehen müssen, dass sie möglichst als Erste vor Ort sind. Da können uns eben moderne, sehr, sehr kleine Sensoren – die kleinsten Sensoren wiegen nur noch 0,2 Gramm – an solchen großen Insekten vielleicht schon helfen, in Zukunft Waldbrände zu detektieren, früher, als man so einen Waldbrand mit technischen Rauchmeldern oder optischen Verfahren entdeckt hätte. Oder ein anderes Beispiel, das ich sehr cool finde: dass man eine KI, die eigentlich dazu da war, den Sternenhimmel zu analysieren, auf das Hautmuster von Walhaien trainiert hat. 

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Dazu muss man wissen: Der Walhai ist erst Mitte des 19. Jahrhunderts wissenschaftlich beschrieben worden, und bis 1986 hatten wir nur 300 Nachweise von Walhaien. Das waren meistens Tiere, die sich in Fischernetzen verfangen hatten oder tot am Strand lagen. Und inzwischen haben halt alle möglichen Hobbytaucher irgendwelche Kameras und machen Fotos von Walhaien. Diese Fotos müssen sie jetzt gar nicht mehr an irgendeine wissenschaftliche Institution schicken, sondern sie posten das zum Beispiel bei Instagram oder bei TikTok oder was auch immer. Und die KI ist eben auf diese Bilder von den Walhaien trainiert und durchsucht Social-Media-Accounts nach Fotos von Walhaien. KI ist eben sehr gut im Mustererkennen. Diese spezielle KI hat eine Datenbank angelegt, in der die Walhaie individuelle Nummern und quasi ein Datenblatt bekommen. Und deswegen kennen wir inzwischen 3.000 Walhaie individuell. Wir wissen, wo die sich aufhalten, welche Strecken die schwimmen, etc.

Und das kann dann wiederum genutzt werden: Wenn man die KI das verschränken lässt mit allen möglichen anderen Daten zu Meeresparametern, Nahrungsverfügbarkeit, Temperatur, Strömungsrichtung etc., dann kann die KI Vorhersagen treffen, wo sich die Walhaie in naher Zukunft aufhalten werden. Und eine der Haupttodesursachen für Walhaie ist sicher immer noch, dass sie mit Schiffen kollidieren oder sich in Fischernetzen verfangen. Und das könnte man eigentlich dadurch verhindern: Wenn man diese Daten den Fischern zur Verfügung stellen würde oder den Reedern, dann könnten die solche – für sie ja auch negativen – Zusammentreffen mit Walhaien in Zukunft verhindern. Das ist eigentlich eine ganz coole Naturschutzanwendung.

 

Und wenn wir in die Tropen oder in tropische Regenwälder gehen: Da kann man anhand von Soundscapes arbeiten, also man kann solche Soundboxen aufhängen. Man trainiert die KI vorher mit so einer Geräuschkulisse, würde man vielleicht im Deutschen sagen, und gibt ihr Informationen zur Gesundheit des Waldes. Und von da ab kann sie selber sagen: Okay, nach dem, was ich hier gehört habe, ist der Wald in dem und dem Zustand. Und das ist natürlich auch eine ziemlich coole Sache.

 

Das ist gerade mit dem Tropenbeispiel natürlich auch für uns sehr interessant. Die Beispiele, die du genannt hast, sind ja oft sehr spezifische KI-Anwendungen, bezogen auf den jeweiligen Anwendungsfall, die meistens auf eigenen Daten basieren.

Ja, also das kann unendlich komplex sein. Vielleicht sind wir damit schon fast bei den Bedrohungen durch KI. Das, was wir in Zukunft sicher machen müssen als Naturschutzorganisationen, aber auch in der Forschung, ist, dass wir die KI in klar definierten und gesicherten Datenräumen arbeiten lassen. Denn die KI ist ja eigentlich dumm. Und sie kann natürlich nur Informationen generieren auf Basis der ihr zur Verfügung gestellten Daten. Und wenn man sie frei laufen lässt im Internet, wo wir wissen, dass inzwischen der Großteil der Informationen falsch ist – wenn die KI ihr Wissen auf Basis dieser falschen Informationen generiert, dann ist natürlich das, was rauskommt, auch falsch. Und deswegen müssen wir gerade im Naturschutz zusehen, dass wir, wenn wir KI in so sensiblen Geschichten nutzen, dann idealerweise Datenräume haben, wo nur Daten drin sind, von denen wir wissen, dass die auch stimmen. Weil sonst spuckt die KI natürlich irgendwelchen Mist aus.

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Das ist gerade mit dem Tropenbeispiel natürlich auch für uns sehr interessant. Die Beispiele, die du genannt hast, sind ja oft sehr spezifische KI-Anwendungen, bezogen auf den jeweiligen Anwendungsfall, die meistens auf eigenen Daten basieren.

Ja, also das kann unendlich komplex sein. Vielleicht sind wir damit schon fast bei den Bedrohungen durch KI. Das, was wir in Zukunft sicher machen müssen als Naturschutzorganisationen, aber auch in der Forschung, ist, dass wir die KI in klar definierten und gesicherten Datenräumen arbeiten lassen. Denn die KI ist ja eigentlich dumm. Und sie kann natürlich nur Informationen generieren auf Basis der ihr zur Verfügung gestellten Daten. Und wenn man sie frei laufen lässt im Internet, wo wir wissen, dass inzwischen der Großteil der Informationen falsch ist – wenn die KI ihr Wissen auf Basis dieser falschen Informationen generiert, dann ist natürlich das, was rauskommt, auch falsch. Und deswegen müssen wir gerade im Naturschutz zusehen, dass wir, wenn wir KI in so sensiblen Geschichten nutzen, dann idealerweise Datenräume haben, wo nur Daten drin sind, von denen wir wissen, dass die auch stimmen. Weil sonst spuckt die KI natürlich irgendwelchen Mist aus.

Das wäre ein Teil meiner Frage gewesen: die Daten. Auf der zweiten Seite aber auch ein bisschen die systemischen Fragen, weil die großen generativen KI-Modelle ja auch immer sehr stark verknüpft sind mit Fragen von Energieverbrauch und Wasserverbrauch, die dann vielleicht den Naturschutzzielen entgegenlaufen. Da wäre meine Frage, wie du das beleuchtet hast – auch mit der Perspektive: Wo werden die Großen überhaupt gebraucht?

Das ist natürlich ein Riesenproblem, denn alle KI-Anwendungen sind natürlich naturschädlich. Sie haben einen gigantischen Wasserverbrauch, einen gigantischen Verbrauch von Energie, einen gigantischen Verbrauch mineralischer Rohstoffe, der gerade in tropischen Ökosystemen zu Krisen führt. Mein Argument für die Anwendung von KI im Naturschutz ist aber, dass die Naturschutzanwendungen einen mini, mini, mini kleinen Teil ausmachen. Das heißt, würden wir die Anwendung für den Naturschutz bleiben lassen, dann wäre KI global gesehen immer noch genauso schädlich wie ohne die Nutzung für den Naturschutz. Was wir also machen müssen, ist: Wir dürfen nicht die Anwendung im Naturschutz für unsinnig erklären, sondern wir müssen insgesamt klüger sein – und ja, vorsichtiger mit KI umgehen.

 

Ein Beispiel, das ich immer bringe: Als ich studiert habe, da gab es ja noch kein Internet und auch keine Smartphones. Wenn man irgendwas wissen wollte, ist man erst mal in die Bibliothek gegangen und hat sich ein Buch genommen und darin gelesen. Oder man hat jemanden gefragt, der das vielleicht wissen könnte. Und wenn wir mal so was Banales nehmen wie: Wie koche ich einen Pfannkuchen? – dann hätte ich früher meine Oma angerufen, oder ich wäre in die Bibliothek gegangen und hätte geguckt, ob ich ein Kochbuch finde, in dem mir das erklärt wird. Dann waren wir irgendwann so weit, dass man das auf jeden Fall gegoogelt hätte. Und heute ist es eben so, dass die Menschen die KI fünfmal am Tag fragen, ob sie ihnen die zehn besten Pfannkuchenrezepte noch mal kurz sagen könnte. Und die Information, die man bekommt, ist immer dieselbe. Man weiß am Ende immer, wie ich einen Pfannkuchen machen kann – aber der Ressourcenverbrauch, der unterscheidet sich eben gigantisch zwischen diesen drei Modellen. Und ja, das müssen wir irgendwie lernen: dass wir halt nicht für jeden Firlefanz immer die KI bemühen. Aber es gibt natürlich auch unsinnige Anwendungen im Naturschutz – für sinnvolle Anwendungen im Naturschutz wäre ich aber immer noch dafür, dass wir das machen und dass wir lieber bei anderen Sachen weniger KI nutzen.

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Und worauf du vielleicht auch noch hinauswolltest: Da ja die meisten Fragen so banal sind, kann man inzwischen auch quasi eine Zwischenebene einbauen. Man lässt die KI eben nicht alle weltweit verfügbaren Datenquellen untersuchen, um zu sagen, wie man Pfannkuchen macht, sondern man kann so Zwischenebenen einziehen, so dass die KI weiß: Ah, es geht ums Kochen, da gucke ich nur in diesen winzigen Datenraum, da waren ja die ganzen Rezepte. Und das braucht natürlich dann auch schon weniger Energie und Wasser und Rohstoffe.

Du hast schon ein paar Beispiele genannt, die du auch in deinem Buch benennst. Wo siehst du – vielleicht auch mit Blick auf Tropica Verde als Tropenschutzverein – Anwendungen, ganz konkret für uns als Organisation oder für ähnliche Organisationen?

Ich war letztes Jahr in Kenia und habe da Wildhüter mit ausgebildet, bei der Nutzung solcher smarten Kamerafallen und bei der Nutzung von Soundboxen. Und sowohl diese Kamerafallen als auch diese Soundboxen sind inzwischen extrem günstig. Also es kostet nicht viel Geld, und die kann man ja auch immer wieder verwenden, das ist ja kein Einwegprodukt. Da kann ich mir schon vorstellen, dass man das zum Beispiel, wenn es um Aufforstungsprogramme geht – und wenn man sich ein bisschen eingearbeitet hat, wie die Waldgesundheit eben anhand solcher Geräuschkulissen darzustellen ist –, dann könnte ich mir das als ein interessantes Tool für Tropica Verde vorstellen. Auch deshalb, weil es natürlich eine coole Sache für die Kommunikation ist: weil man Menschen, die eben nicht nach Costa Rica fahren können, trotzdem sehr, sehr nah bringen kann, was man da für Arbeit macht. Und das kann man natürlich mit diesen Kamerafallen-Fotos machen, das kann man mit diesen Soundscapes machen.

 

Und natürlich könnte man rein theoretisch ja auch über so einen Citizen-Science-Ansatz die Mitglieder oder Interessenten einbeziehen. Also wenn wir uns solche Kamerafallen-Fotos angucken: Die KI kann trainiert werden, zum Beispiel auf Jaguare. Und es ist dann aber trotzdem noch mal ganz gut, wenn ein menschlicher Beobachter noch mal draufguckt. Also angenommen, man hat 40.000 Fotos, dann trainiert man die KI: Such da bitte nach Jaguaren. Dann kommt die KI und sagt: Hier, auf 100 ist ein Jaguar. Und diese 100 könnten sich quasi Citizen Scientists angucken, um zu bestätigen, ob da auch wirklich ein Jaguar drauf war.

Das Interview führte und bearbeitete Paul Heß, ehrenamtlicher Mitarbeiter für Tropica Verde e.V. 

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