Pilze, die Insekten manipulieren, Pflanzen beeinflussen und ganze Ökosysteme verbinden – die Welt der Pilze gehört zu den faszinierendsten und gleichzeitig am wenigsten erforschten Bereichen der Biodiversität. Gemeinsam mit der Biologin und Mykologin Prof. Dr. Melissa Mardones Hidalgo sprach Tropica Verde über ein neues deutsch-costaricanisches Forschungsprojekt, internationale Zusammenarbeit und die Bedeutung von Pilzen für den Schutz der Artenvielfalt.
Im Gespräch mit Prof. Dr. Melissa Mardones Hidalgo
Melissa Mardones Hidalgo ist Biologin, Professorin an der Universität von Costa Rica (UCR) und Forscherin am Zentrum für Biodiversitäts- und Tropenökologieforschung (CIBET). Dort betreut sie die Pilzsammlung des universitätseigenen Herbariums und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Erforschung der Pilzvielfalt Costa Ricas.
Melissa, kannst du dich kurz vorstellen und erzählen, welche Rolle du im Projekt spielst?
Mein Name ist Melissa Mardones Hidalgo. Ich bin Professorin an der Biologischen Fakultät der Universität von Costa Rica und Forscherin am CIBET, dem Zentrum für Biodiversitäts- und Tropenökologieforschung. Dort betreue ich die Pilzsammlung unserer biologischen Sammlungen.
Ich habe Biologie studiert und später einen Master sowie eine Promotion mit Schwerpunkt Mykologie, also Pilzkunde, absolviert. Im aktuellen Projekt arbeite ich eng mit Prof. Dr. Meike Piepenbring zusammen, die mich bereits während meiner Promotion betreut hat. Seit meinem Abschluss vor acht Jahren stehen wir in engem wissenschaftlichen Austausch.
Forschung verbindet Deutschland und Costa Rica
Worum geht es in dem Projekt genau?
Das Projekt verfolgt vor allem das Ziel, die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Costa Rica im Bereich Biodiversitätsforschung zu stärken. Die Ausschreibung, über die das Projekt gefördert wird, war speziell darauf ausgerichtet, internationale Forschungsnetzwerke aufzubauen.
Dafür entsteht derzeit ein Netzwerk namens GeCoBio – Germany-Costa Rica-Biodiversity, das Forschende beider Länder zusammenbringen soll. Die Idee ist, neue Kooperationen zu ermöglichen, gemeinsame Forschungsprojekte zu entwickeln und langfristig weitere Fördermittel für Biodiversitätsforschung einzuwerben.
„Wir möchten eine Plattform schaffen, auf der Forschende aus Deutschland und Costa Rica sich kennenlernen, austauschen und gemeinsam neue Projekte entwickeln können“, erklärt Prof. Dr. Melissa Mardones Hidalgo.
Drei Ziele für mehr Wissen über Pilze
Neben dem Aufbau des Forschungsnetzwerks verfolgt das Projekt zwei weitere zentrale Ziele.
Zum einen sollen Doktorand:innen der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität von Costa Rica gemeinsam forschen. Dafür wurden bereits drei Promovierende ausgewählt, die künftig einen Teil ihrer Feldforschung in Costa Rica durchführen werden.
Zum anderen soll die bestehende Sammlung von Pilzkulturen erweitert und gestärkt werden. Solche wissenschaftlichen Sammlungen sind von großer Bedeutung, da sie Forschenden ermöglichen, Pilze langfristig zu dokumentieren, zu vergleichen und neue Arten zu identifizieren.
Forschung mitten im Regenwald
Wo findet die Forschung statt? Im Labor oder direkt in der Natur?
„Beides“, sagt Prof. Dr. Melissa Mardones Hidalgo.
Ein wichtiger Teil der Arbeit wird in Schutzgebieten und verschiedenen Agrarlandschaften Costa Ricas stattfinden. Dort sammeln die Forschenden Pilzproben und untersuchen deren Rolle in unterschiedlichen Ökosystemen.
Welche Regionen genau untersucht werden, steht derzeit noch nicht fest. Zunächst entwickeln die Doktorandinnen ihre Forschungsthemen. Erst danach werden die passenden Untersuchungsgebiete ausgewählt.
Fest steht jedoch: Die jungen Forschenden werden längere Zeit in Costa Rica verbringen und dort intensive Feldarbeit leisten. Anschließend werden die gesammelten Daten sowohl an der Universität von Costa Rica als auch an der Goethe-Universität Frankfurt ausgewertet.
Ein Netzwerk für die Biodiversitätsforschung
Das Projekt befindet sich aktuell noch in der Aufbauphase. Dennoch gibt es bereits großes Interesse auf beiden Seiten des Atlantiks. Geplant sind jährliche Workshops, die zunächst in Costa Rica stattfinden werden. Neben wissenschaftlichem Austausch sollen dabei auch gemeinsame Exkursionen stattfinden.
„Der direkte Kontakt mit den Ökosystemen Costa Ricas kann unglaublich inspirierend sein“, erklärt Prof. Dr. Melissa Mardones Hidalgo. „Deshalb möchten wir Forschende nicht nur zusammenbringen, sondern ihnen auch die Möglichkeit geben, die Biodiversität vor Ort kennenzulernen.“
Das Netzwerk steht dabei nicht ausschließlich Forschenden der Universität von Costa Rica und der Goethe-Universität offen. Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anderer Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus Deutschland und Costa Rica können sich beteiligen.
Warum Pilze so wichtig sind
Pilze zählen zu den artenreichsten und gleichzeitig am wenigsten erforschten Organismengruppen der Erde. Sie zersetzen abgestorbene Biomasse, versorgen Pflanzen mit Nährstoffen, beeinflussen ganze Nahrungsnetze und können sogar das Verhalten von Insekten verändern.
Trotz ihrer enormen Bedeutung für das Funktionieren von Ökosystemen stehen sie oft nicht im Mittelpunkt von Naturschutzmaßnahmen.
Genau hier setzt das neue Forschungsprojekt an: Es soll helfen, die Vielfalt der Pilze Costa Ricas besser zu verstehen und gleichzeitig internationale Zusammenarbeit für den Schutz der Biodiversität zu fördern.
Denn wer die Natur schützen will, muss auch ihre verborgensten Akteure kennen.
Das Interview führte und bearbeitete Theresa Bertl, ehrenamtlicherMitarbeiterin von Tropica Verde e.V. – sprachlich geglättet und gekürzt.
Über das Projekt
Das deutsch-costaricanische Forschungsprojekt wird gemeinsam von Forschenden der Universität von Costa Rica und der Goethe-Universität Frankfurt umgesetzt. Im Mittelpunkt stehen die Erforschung der Pilzvielfalt, der Aufbau langfristiger wissenschaftlicher Kooperationen sowie die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in beiden Ländern.
Tropica Verde begleitet das Projekt und unterstützt den Austausch zwischen Wissenschaft, Naturschutz und Öffentlichkeit.
06.07.2026 | SAVE THE DATE
„Von wilden Parasiten und Insektenfreunden – pilzliche Biodiversität in Costa Rica“
Vortrag von Prof. Dr. Meike Piepenbring (Goethe-Universität Frankfurt) in Kooperation mit Tropica Verde e.V. und dem GeCoBio-Netzwerk.
📅 Montag, 6. Juli 2026
🕖 19:00 Uhr
📍 Palmensaal, Palmengarten Frankfurt
🎟️ Eintritt frei
