Pilze sind weder Pflanze noch Tier – und in den Tropen gibt es noch unzählige Arten, die nie zuvor beschrieben wurden. Genau dort, im Regenwald von Costa Rica, forscht Prof. Dr. Meike Piepenbring seit Jahrzehnten. Vor ihrem Vortrag im Palmengarten haben wir mit ihr über zombifizierende Parasiten, gärtnernde Ameisen und die Frage gesprochen, warum die Erforschung tropischer Pilze auch für uns in Deutschland eine Rolle spielt.
Wer ist Dr. Meike Piepenbring?
Meike Piepenbring studierte Biologie in Köln und Clermont-Ferrand. Promotion und Habilitation in Mykologie absolvierte sie bei Prof. Dr. Franz Oberwinkler an der Universität Tübingen; für ihre Doktorarbeit sammelte sie Brandpilze – pflanzenparasitische Pilze – in Costa Rica. Seit 2001 ist sie Professorin für Mykologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, unterbrochen 2008/2009 durch eine Gastprofessur an der Universidad Autónoma de Chiriquí in Panama. Ihr Schwerpunkt liegt auf Vielfalt, Ökologie und Systematik pflanzenparasitischer Kleinpilze; Lehrbücher zur Mykologie hat sie auf Deutsch, Englisch und Spanisch verfasst.
Unter Bildungsmaterial finden sie einen Artikel von ihr auf Spanisch.
Pilzliche Biodiversität in Costa Rica: Wilde Parasiten und Insektenfreunde | Interview mit Dr. Meike Piepenbring
Frau Piepenbring, was hat Sie dazu bewegt, sich ausgerechnet mit Pilzen in den Tropen zu beschäftigen?
In den Tropen ist die Biodiversität für die meisten Organismengruppen deutlich größer als bei uns. Costa Rica liegt auf der mittelamerikanischen Landbrücke – dort mischen sich die Lebenwesen aus Nord- und Südamerika. Dazu kommen die Höhenlagen von der Küste bis auf 3.600 Meter. Es gibt dort tatsächlich noch abgelegene Primärwälder, Wald, der nie abgeholzt war. Das kennen wir in Deutschland gar nicht mehr. Das Faszinierende: Man kann relativ leicht Pilz-Arten finden, die noch keinen Namen haben. Wir sind dann vor Ort mit Lupen, Tüten und Kamera unterwegs und fühlen uns wie Alexander von Humboldt – sammeln Pilze ein und stellen fest: Den habe ich noch nie gesehen – vielleicht ist er für die Wissenschaft noch gar nicht bekannt?
Pilze, Pflanzen, Insekten – wie hängt das alles zusammen?
Grundsätzlich sind die Interaktionen, also die Wechselwirkungen zwischen den Lebewesen, in den Tropen nicht anders als bei uns, aber die Vielfalt der Möglichkeiten ist durch die großen Artenzahlen enorm. Es gibt Parasiten auf Pflanzen, auf Insekten, auf anderen Tieren und auf Pilzen – sogar Pilze, die auf pflanzenparasitischen Pilzen wachsen, sogenannte Hyperparasiten. Daneben gibt es die Zersetzer: Pilze können fast alles Organische verdauen. Manche Arten sind so spezialisiert, dass sie nur die holzigen Früchte einer einzigen Pflanzenart abbauen. Wenn diese Pflanze ausstirbt, sterben auch die mit ihr assoziierte Mikroorganismen aus – die wir überwiegend gar nicht kennen. Und schließlich gibt es die Symbionten. Die wichtigste Gruppe sind die Mykorrhiza-Pilze: Pilzfäden im Boden vernetzen sich mit den Wurzeln der Bäume, liefern ihnen Wasser, Verbindungen mit Stickstoff oder Phosphor und Mineralien – und bekommen im Gegenzug Zucker. Pilze, die etwas ähnliche Symbiosen mit Algen eingehen, ergeben übrigens Flechten, die ebenfalls in den Tropen sehr divers und ökologisch wichtig sind.
Im Titel Ihres nächsten Vortrages am 06. Juli ist von „Insektenfreunden“ die Rede – was muss man sich darunter vorstellen?
Dabei denke ich vor allem an Blattschneiderameisen. Sie klettern an Bäumen und Büschen hoch, schneiden Blätter in „handliche“ Stücke und tragen sie in ihr unterirdisches Nest. Dort kultivieren sie auf diesem Substrat einen Speisepilz – im Prinzip genau so, wie wir Champignons oder Austernseitlinge züchten. Es gibt auch kleinere Ameisenkolonien, bei denen ein Pilz mit seinen Fäden die Behausung selbst formt: ein kleines, weißes Säckchen, in dem die Ameisen leben und das sie teilweise auch fressen. Echte Symbiosen, also Zusammenleben zum gegenseitigen Nutzen.
Und die „wilden Parasiten“?
Insektenparasitische Pilze befallen Schmetterlinge, Käfer, Ameisen und andere Insekten, aber auch Spinnentiere und andere Gliederfüßler. Das infizierte Tier ist anfangs noch lebendig und wird von innen heraus verdaut. Dabei schont der Pilz zunächst die lebenswichtigen Organe und greift zuerst die Fettreserven an – und in dieser Zeit manipuliert er manchmal das Verhalten des Insekts, was vor allem für Ameisen bekannt ist. Die Idee dahinter wurde in dem Videospiel und der Serie „The Last of Us“ aufgegriffen, wobei sich die Frage stellt, wahrscheinlich es ist, dass solche Pilze Menschen befallen. Ich denke, dass das sehr unwahrscheinlich ist, würde also weitgehend Entwarnung geben. Allerdings sind Pilze dynamisch und sehr erfindungsreich, vollständig ausschließen kann man also grundsätzlich nichts.
Sie koordinieren das Forschungsnetzwerk GeCoBio. Worum geht es?
GeCoBio steht für „German Costa Rican Network for Tropical Biodiversity Research“ – ein deutsch-costa-ricanisches Netzwerk für die Erforschung tropischer Biodiversität. Es geht dabei nicht nur um Pilze, sondern auch um Tiere, Pflanzen, Ökosysteme und Naturschutz. Dieses Netzwerk möchten wir aufbauen, indem wir Wissen zur aktuellen Situation der Biodiversität in Costa Rica sowie spannende Forschungsfragen teilen und Biodiversitätsforscher und -forscherinnen in Costa Rica und Deutschland miteinander bekannt machen. Zudem sollen die Wissenschaftler von uns verwaltungstechnisch und logistisch unterstützt werden.
Sie sind seit Langem Mitglied bei Tropica Verde. Wie passt das mit Ihrer Forschung zusammen?
Wenn man so viel vor Ort unterwegs ist, sieht man die Probleme: Habitatverlust, Felder, die sich in die Wälder hineinfressen, neue Straßen, Umweltverschmutzung. Man sieht direkt, wie Biodiversität verloren geht. Gleichzeitig habe ich beobachtet, wie wertvoll Schutzgebiete sein können. Als ich 2001 als Professorin nach Frankfurt kam, hat mir jemand gesagt: „Hier gibt es übrigens den Naturschutz-Verein Tropica Verde mit Costa Rica als Schwerpunkt.“ Der war 1989 gegründet worden von Studierenden hier in Frankfurt. Da war für mich sofort klar: Da muss ich Mitglied werden!
Warum ist die Erforschung tropischer Pilze auch für uns alle relevant?
Bei den Pilzen muss man unterscheiden zwischen problematischen Arten und solchen, die uns nützen. Auf der einen Seite stehen Parasiten an Nutzpflanzen und Nutztieren, Krankheitserreger, Giftpilze, Allergene oder Schimmel in Gebäuden. Sie zu kennen, ist Voraussetzung für Schutzmaßnahmen. Auf der anderen Seite gibt es neben Speisepilzen und Pilzen in der Biotechnologie eine enorme Vielfalt nützlicher Substanzen aus Pilzen: Penicillin und andere Antibiotika kennt jeder; daneben gibt es weitere, wie zum Beispiel Cyclosporin, das das Immunsystem herunterfährt. Ohne diesen Wirkstoff wären Organtransplantationen nicht erfolgreich. Mit jeder neu entdeckten Art kommen potenziell neue Wirkstoffe dazu . Für die biologische Schädlingsbekämpfung lassen sich insektenparasitische Pilze im Labor vermehren und auf den Feldern oder in Gewächshäusern gegen Blattläuse oder Wanzen einsetzen. Die angewandte Mykologie ist ein sehr weites Feld!
Das Interview führte Paul Heß für Tropica Verde e.V. – sprachlich geglättet und gekürzt
06.07.2026 | SAVE THE DATE
„Von wilden Parasiten und Insektenfreunden – pilzliche Biodiversität in Costa Rica“
Vortrag von Prof. Dr. Meike Piepenbring (Goethe-Universität Frankfurt) in Kooperation mit Tropica Verde e.V. und dem GeCoBio-Netzwerk.
📅 Montag, 6. Juli 2026, 19:00 Uhr
📍 Palmengarten Frankfurt
